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Scientology eine Gefahr? - Fragen zur „Scientology Gefahr“

An früherer Stelle wurde bereits generell zum Thema "Unterwanderung" Stellung genommen. Es gibt hierzu jedoch auch einige konkrete Anmerkungen, die von Interesse sind:

So ist zum Beispiel die Zahl der Scientology-Mitglieder, die selbständige Unternehmer in der Bundesrepublik sind, im Verhältnis zur Gesamtzahl deutscher Unternehmer verschwindend gering. Diese Tatsache allein belegt bereits, daß der Vorwurf der "Unterwanderung" ein sektenpolitisches Konstrukt ist.

Einige Scientologen sind natürlich Geschäftsleute, genauso wie wesentlich mehr Katholiken, Protestanten, Moslems oder Juden es auch sind.

Mitglieder der Scientology Kirche gibt es in allen Lebensbereichen. Sie sind Wissenschaftler, Künstler, Ingenieure, Lehrer, Studenten, Bauarbeiter, Professoren, Angestellte, Schriftsteller und so weiter. Unter den 30.000 Scientology-Mitgliedern in Deutschland gibt es nach innerkirchlichen Erhebungen nur rund 40 selbständige Immobilienmakler. Die Behauptung, daß diese 0,2 Prozent aller Immobilienmakler ganze Sektoren des Immobilienmarktes beherrschen, ist absurd.

Wesentlich entscheidender ist: Im Gegensatz zu den beiden größten nichtstaatlichen Immobilienbesitzerinnen in Deutschland, den Amtskirchen, besitzt die Scientology Kirche in ganz Deutschland nur eine einzige Immobilie, das Gebäude der Scientology Kirche Bayern in München.

Ginge es den Anklägern und somit auch der Bonner "Sekten-Enquete" bzw. ihren Betreibern tatsächlich um die Klärung der Frage, ob und inwieweit die Scientology Kirche in Deutschland "die Wirtschaft unterwandert" und "hauptsächlich im Immobilienbereich tätig ist", dann würden sie eidesstattliche Erklärungen des bundesdeutschen Vorstands oder bereits ergangene Unterlassungsurteile zur Kenntnis nehmen und in die Beweisfindung einbringen. Diese belegen, daß die deutschen Scientology Kirchen grundsätzlich keine wirtschaftlichen Beteiligungen irgendwelcher Art oder Aktien, Grundbesitz, Immobilien (außer jenem einem Kirchengebäude in München) oder ähnliches unterhalten, geschweige denn "weltliche" Firmen besitzen oder Firmenanteile halten oder die Geschicke solcher Firmen direkt oder indirekt lenken.

Solche (eidesstattlichen) Erklärungen oder Urteile - die auch der Enquete bekannt sind - verschwinden in der großen Schublade der "sektenpolitisch hinderlichen" Tatsachen. Die Scientology Kirche hat allen ihr bekannt gewordenen Unterwanderungstheorien aus dem Bereich Wirtschaft, Immobilien und auch Politik nicht nur einfach widersprochen, sondern diesen "Widerspruch" auch immer nachvollziehbar begründet. Trotzdem fährt man fort, die unsägliche Gleichsetzung "was ein einzelner Scientologe beruflich macht = Scientology Kirche" noch mehr anzuheizen, um in der öffentlichen Auseinandersetzung "keinen Boden zu verlieren".

Um die "Unterwanderungsthese" irgendwie aufrechtzuerhalten, ungeachtet aller gegenteiligen Fakten, schreckte die Enquete auch nicht vor entstellenden Verfälschungen zurück. Beispielsweise ist das eigentliche Fazit der Anhörungen zum Thema "Unterwanderung der Wirtschaft" ausweislich des Zwischenberichts der Enquete nur noch als "Sondervotum der Grünen" erhalten geblieben, während der Zwischenbericht selbst ein ganz anderes Bild zu vermitteln versucht. Selbst die wenigen Einzelbeispiele einer angeblichen "Unterwanderung" gab es nämlich tatsächlich nur unter den Vorgaben "Mitglied = Sekte" und "Berufsausübung = Unterwanderung", die wie dargelegt ganz einfach unhaltbar sind. Für eine "gezielte und systematische Unterwanderung" gab es jenseits der Meinungsäußerung von "Kritikern" noch nicht einmal Einzelbeispiele, geschweige denn eine verallgemeinerungsfähige Grundlage. Auch für andere Anschuldigungen gab es keine Belege, so für die angebliche Weitergabe sonst nicht zugänglicher Informationen an die jeweilige "Sekte" und ähnlich bemühte Unterstellungen.

Im August 1997 berichtete beispielsweise die ASU (Arbeitsgemeinschaft selbständiger Unternehmer) von den Ergebnissen einer Umfrage in den Reihen ihrer Mitglieder wie folgt: "Hintergrund dieser Umfrage war die Einladung der Enquete-Kommission 'Sogenannte Sekten und Psychogruppen', in der die vielfach behauptete Unterwanderung der Wirtschaft durch die Scientology-Organisation zur Debatte stand. Mit nur 12 Reaktionen, die allesamt keine Dramatik in sich bargen, war die Resonanz auf diese Mitgliederumfrage äußerst gering. Dieses Ergebnis wurde der Enquete-Kommission am 12. Mai 1997 mitgeteilt." Ähnliches hatte der Bund der Selbständigen in Baden-Württemberg zu vermelden. Von Tausenden von Befragten konnte nicht ein einziger einen konkreten Fall einer "Übernahme" in seiner Branche oder Umgebung nennen, geschweige denn belegen.

Was bedeuten solche und ähnliche Fakten und Zahlen für die zukünftige politische Behandlung des "Problems" der "Unterwanderung der Wirtschaft durch Scientology"? Gemäß der in dieser Broschüre dargelegten "Vorgehensweisen" und Zielsetzungen der bundesdeutschen "Sektenpolitik" im Umgang mit Scientology kann dies nur das bedeuten, was der Zwischenbericht der Enquete-Kommission in seiner diesbezüglichen Zusammenfassung schon festgeschrieben hat: "Die Anhörung hat deutlich werden lassen, daß seitens der Wirtschaftsverbände weiterhin eine intensive Aufklärungsarbeit geleistet werden muß, um Firmen und Unternehmungen zur angemessenen Beurteilung des Problembereichs mit sachgerechten Informationen zu versorgen."

Die Frage, wie man von einem Anhörungsergebnis, das keinerlei quantitative oder qualitative Bestätigungen der Unterwanderungsthese erbracht hat, zu einem "Fazit" gelangen kann, das bestenfalls das genaue Gegenteil impliziert, erübrigt sich. Es wäre nicht das erste Mal, daß die Abwesenheit tatsächlicher Vorkommnisse - im Gegensatz zu behaupteten - als "Dunkelziffer" oder gar als Beleg für die "Angst, eine Aussage zu tätigen" deklariert wird, um auf diesem Umweg doch noch zum rufmörderischen Ziel zu kommen. Auf diese Weise kann man die behauptete "Unterwanderung" aufrechterhalten und gleich noch die "Einschüchterungsthese" drauflegen. Die Definitionsmacht der Enquete wie auch anderer Stellen ist diesbezüglich unbegrenzt und es steht zu befürchten, daß der Schlußbericht der Enquete-Kommission die behauptete "Unterwanderung der Wirtschaft durch die Scientology Kirche" noch deutlicher konstatieren wird, mit noch weniger "Belegen".

Diese "Definitionsmacht" und ihr Mißbrauch erklären zumindest, warum es kein Faktum gibt, kein Gerichtsurteil, kein "Anhörungsergebnis", kein Gutachten oder ähnliches, noch nicht einmal theoretisch, die jemals Gremien wie die Enquete dazu veranlaßt hätten, von einer vorgefaßten "Anti"-Position abzurücken. Eher nimmt man solche Tatsachen her, um sie in ihr genaues Gegenteil zu verkehren.

Als genereller "Beweis" für die wirtschaftliche Unterwanderungsthese wird hin und wieder auch eine sogenannte Führungsanweisung 1040 zitiert, die in den 60er Jahren von irgendjemand, jedenfalls nicht von L. Ron Hubbard geschrieben wurde und seit drei Jahrzehnten keine Gültigkeit mehr hat. Diese Anweisung hat in Deutschland niemals eine Rolle gespielt noch fand sie seitens einer Scientology-Körperschaft Anwendung.

Auch wenn der Scientology Kirche direkt oder indirekt unterstellt wird, sie schicke ihre Mitglieder hinaus in die Wirtschaftswelt, um diese zu "unterwandern", nur weil es einen Verband scientologischer Geschäftsleute gibt (WISE), dann ist das zumindest abenteuerlich. Wie nehmen sich unter diesem Gesichtspunkt der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer in der Bundesrepublik oder der Bund Katholischer Unternehmer e.V. und (nicht gerade wenige) ähnliche Gruppierungen amtskirchlicher Provenienz aus?

Auf der politischen Ebene der "Unterwanderungsthese" verhält es sich ähnlich. So zum Beispiel bei einem angeblichen "Projekt A", das der bayerische Innenminister Beckstein im März 1997 dahingehend interpretierte, Scientology habe das Land Albanien sozusagen "übernehmen" wollen. Tatsächlich handelt es sich bei dem sogenannten Projekt aus dem Jahr 1993 in erster Linie um ein unternehmerisches Konzept zum wirtschaftlichen Aufbau des Landes, das von einem Scientologen privat entworfen worden war. Von politischen Bestrebungen oder gar einer "Machtübernahme" war mit keinem Wort die Rede, von der Scientology Kirche in Deutschland ebenfalls nicht.

Ein anderer Aspekt ist die "Unterwanderung der Parteien". Dieses Märchen fand seinen Anfang zu Anfang der 90er Jahre in Hamburg, als die Hamburger SPD im Wahlkampf der FDP vorwarf, sie wäre "von Scientologen unterwandert". Die FDP reagierte mit einem "Unvereinbarkeitsbeschluß". Die Fakten: Ganze zwei Scientology-Mitglieder, die in der Partei keinerlei Ämter ausübten, befanden sich damals in der Hamburger FDP. Welche hysterischen Züge die "Verfassungsschutz-Diskussion" zum Thema Unterwanderung und all ihren Schattierungen in der postulierten Bedrohung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung in den letzten Jahren angenommen hat, verdeutlicht sich auch anschaulich am Bundesland Saarland. Dort verkündete der damalige Staatssekretär im Innenministerium Richard Dewes vollmundig den Einsatz seines Landesamts für Verfassungsschutz gegen Scientology. Auch der Einsatz von V-Leuten wurde angekündigt, und der studierte Theologe Dewes entwarf auch im Jahr darauf hinsichtlich Scientology in öffentlichen Stellungnahmen ein wahres Horror-Szenario. Wesentliches Manko, das Dewes in seiner Kampagne verschwieg: Im Saarland gab es überhaupt keine Scientology-Einrichtung. Im Oktober 1995 hieß es dann in einem Pressebericht wenig überraschend: "Das Saarland hatte Scientology bereits kurze Zeit durch den Verfassungsschutz beobachten lassen, dies aber mangels einschlägiger Erkenntnisse wieder eingestellt."

Inzwischen ist Richard Dewes Innenminister in Thüringen. Auch dort gibt es, wie in den meisten neuen Bundesländern, keine Scientology-Einrichtungen. Dies hinderte Dewes jedoch nicht daran, erneut den Verfassungsschutzeinsatz gegen Scientology zu fordern und kürzlich dafür zu stimmen.

 

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