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Scientology-Aussteiger und Kritiker - Berichte über Scientology-Aussteiger

Jesse Prince: Gekaufte Aussage eines „Scientology Aussteigers“ aus Amerika

Berlin hätte eigentlich eine Warnung sein müssen. Zwei Jahre ist es her, seit das Landesamt für Verfassungsschutz in der Bundeshauptstadt in die tiefste Krise seit seinem Bestehen geschlittert ist.

Angetrieben von blindem Eifer und den Pseudo-Theorien des damaligen Innensenators Schönbohm und seines Ex-Staatssekretärs Kuno Böse ruinierte der Berliner Verfassungsschutz (VS) die Karriere eines hohen und unbescholtenen Polizeibeamten.

Otto D. sei Scientologe, behauptete der Geheimdienst scheinbar felsenfest, verheimlichte aber, daß sich seine "Anschuldigungen" -  neben einem anonymen Brief - hauptsächlich auf die wacklige Aussage einer äußerst fragwürdigen "Quelle" stützte. Der greise Ex-Stasi-Agent Adolf Peter hatte sich dem Berliner VS förmlich aufgedrängt. Die Quelle "Junior" - so dessen tiefsinniger VS-Deckname -, mit vorgetäuschtem Zugang "in höchste Scientology-Kreise", sagte, was seine Geldgeber gerne hören wollten.

Daß der ausgerechnet wegen Betrugs und Urkundenfälschung vorbestrafte frühere "Inoffizielle Mitarbeiter" (IM) des ostdeutschen Spitzelapparates einst sogar von der Stasi als unzuverlässiger Geschichtenerzähler ausgemustert worden war, hinderte das Berliner Landesamt für Verfassungsschutz nicht daran, ihn als "durchaus glaubwürdigen" IM-West zu reaktivieren. Aber damit nicht genug. Der Geheimdienst berief sich nicht nur auf einen Zeugen, der schlichtweg keiner war, sondern verdrehte sogar noch dessen Aussagen, um sie den eigenen Zwecken anzupassen.

Jedenfalls beteuerte der redselige "Junior" Adolf Peter im vergangenen Jahr wiederholt in aller …Öffentlichkeit in Presse und Fernsehen, er wäre sich gar nicht sicher gewesen, ob Otto D. Scientologe sei, und er habe dies seinen Geld- und Auftraggebern auch so mitgeteilt.

Die Wunden dieses Skandals sind noch lange nicht vernarbt.

Polizeidirektor Otto D. muß trotz einer Schadensersatzzahlung immer noch um seinen Ruf kämpfen. Der stellvertretende Innensenator Kuno Böse, der laut Medienberichten den Einsatz des Ex-Stasi-Spitzels durchgedrückt hatte, mußte in der Folge der Affäre zwar seinen Hut nehmen, aber mit einer Spur von Realitätssinn hätte ihm von Anfang an klar sein müssen, daß die Behauptungen eines bezahlten dubiosen Zeugen nicht das Papier wert sind, auf dem sie damals festgehalten wurden.

Den Hut nimmt mittlerweile auch das gesamte Berliner Landesamt, das sich nicht nur in Sachen Scientology als eine Form organisierter Ahnungslosigkeit blamiert hatte, sondern auch in anderen Fällen. Innensenator Werthebach kündigte Ende März 2000 die Auflösung der Skandalbehörde an. Zukünftig soll sie eine Abteilung in der Berliner Innenverwaltung sein.

Gekaufte Aussagen aus Übersee

Einige "Verfassungsschützer", vor allem in Baden-Württemberg und Bayern, versuchen es dennoch weiter mit hinterhältigen Methoden.

Um die Beobachtung der Scientology-Kirche durch den Geheimdienst nachträglich zu rechtfertigen und dieses alles andere als rechtsstaatliche Vorgehen mit falschen Beschuldigungen zu vernebeln, ist man sich nicht zu schade, auch weltweit nach noch so dubiosen "Zeugen" zu fahnden. Jüngstes "aufgeflogenes" Beispiel: Auf Steuerzahlerkosten wurde der Kaufzeuge Jesse Prince aus den USA eingeflogen.

Dahinter steckt das nur allzu durchsichtige Kalkül, daß die deutsche …Öffentlichkeit und die Medien hierzulande nur schwerlich die kriminelle Vergangenheit eines notorischen Straftäters aus Übersee überprüfen können. Das Problem, das sich der Berliner Verfassungsschutz mit dem Ex-Stasi- Spitzel und dessen verlogenem Vorleben einbrockte, scheint im Falle Jesse Prince mit einem Schlag gelöst: Als US-Bürger ist er von Deutschland aus wegen Falschaussagen praktisch nicht zu belangen.

Gewissermaßen im Flugzeug über den Wolken des Atlantiks und mit dem Segen des deutschen Inlandsgeheimdienstes verwandelte sich auf diese Weise ein Drogendealer und gewohnheitsmäßiger Lügner zu einer "glaubwürdigen" Quelle des deutschen Verfassungsschutzes.

Mit dem "Informanten", der aus der Ferne kam, umschifft der Verfassungsschutz geschickt alle Klippen einer seriösen Beweisführung. Drei Jahre geheimdienstliche Beobachtung förderten nicht einmal den Verdacht eines ungesetzlichen Tuns seitens der deutschen Scientology-Kirchen an den Tag. Die bezahlten Behauptungen eines Serientäters sollen die unappetitliche Gerüchtesuppe weiter am Brodeln halten und einer ver- fassungswidrigen Gesinnungsschnüffelei den nötigen Nährboden bereiten. Bereits vor einem Jahr zeigte der bayerische Innenminister Günther Beckstein keine moralischen Bedenken, Jesse Prince als vorgeblich vertrauenswürdige Quelle zu präsentieren und dessen Aussagen in einer Presseerklärung seines Ministeriums (19. November 1998) zu verbreiten.

Dieses Manöver mit dem "hochrangigen Zeugen" aus den USA mußte damals offenbar auch dazu herhalten, die anderen Landesämter für Verfassungsschutz davon zu überzeugen, daß eine Bespitzelung der Scientologen weiterhin nötig sei. Weil Prince gegen Scientology ist, ist jede seiner verlogenen Behauptungen für den Inlandsgeheimdienst offenbar wie ein Lichtblick in einer für ihn hoffnungslos verfahrenen Situation.

Lügen gegen Geld

Auch Ende Oktober 1999 machte Jesse Prince kein Geheimnis daraus, daß er sich wegen einer erneuten Befragung durch den Verfassungsschutz in Deutschland aufhielt. Das Büro für …Öffentliche Angelegenheiten der Church of Scientology International erlaubte sich aus diesem Anlaß, in einem Brief an alle Verfassungsschutzämter die Glaubwürdigkeit des Kaufzeugen aufzugreifen. Verbunden damit war der Appell, die verfassungswidrige geheimdienstliche Beobachtung der Sientologen in Deutschland zu beenden. Dieser Appell mag so fruchtlos sein wie in den Vorjahren. Wer aber nur die mehr als fragwürdigen Aussagen von sogenannten "Aussteigern" zu Rate zieht, der muß sich auch den Vorwurf gefallen lassen, daß er offenbar nicht an der Wahrheit interessiert ist.

Mitte 1998 hatte sich Jesse Prince, finanziell am Boden, an einen in einem gerichtlichen Verfahren für die Scientology-Kirche in den USA tätigen Anwalt gewandt und angeboten, gegen entsprechende Bezahlung sich "nicht der gegnerischen Seite als Zeuge zur Verfügung zu stellen". Auf einen derartigen Erpressungsversuch ließen sich der Anwalt und die Scientology-Kirche natürlich nicht ein.

Wie angedroht, wurde Prince daraufhin bezahlter Zeuge einer Gruppierung namens FACTNet, die sich gerade mit einer Klage wegen Urheberrechtsverletzung von Scientology-Schriften konfrontiert sah. Ab Juli 1998 bezahlte FACTNet alle Lebenshaltungskosten für Prince.

Gelohnt haben sich die Ausgaben nicht. Der "Zeuge" verwickelte sich in zahlreiche Widersprüche. Die Verantwortlichen von FACTNet mußten schließlich zugeben, tatsächlich Urheberrechtsverletzungen begangen zu haben und gaben eine entsprechende Unterlassungserklärung ab - unter Androhung von einer Million Dollar Strafe im Falle eines erneuten Verstoßes.

Prince log auch weiterhin gegen Geld. Bezahlt wurde er von einem Mann, der in den USA während der vergangenen 18 Monate zweimal inhaftiert war, weil er Kirchenmitglieder körperlich angegriffen hatte. Auch Prince versuchte wiederholt, zu Gewalt gegen die Kirche und Einzelmitglieder aufzustacheln. Diese Ausfälle versteht er den Medien oder Behördenvertretern gegenüber geschickt zu verbergen. Mit eingeübten Manieren gibt er sich den Anschein der Glaubwürdigkeit. Jedoch hinter den Kameras und abseits der Konferenztische kommt ein ganz anderer Prince zum Vorschein. Vor der Scientology-Kirche in Boston beispielsweise kam es zu einer für Prince typischen Verhaltensweise. Betrunken attackierte er ein Kirchenmitglied mit Obszönitäten übelster Natur. Einem anderen Mitglied drohte er mit Vergewaltigung. Bei einem weiteren Vorfall warf er Steine auf vorbeifahrende Autos, weil er glaubte, in ihnen säßen Kirchenmitglieder. Andere bedrohte er mit einem Vorschlaghammer.

Es wirft ein bezeichnendes Licht auf den Geheimdienst "West", daß er, wie jüngst noch die Stasi "ãOst", solchen und ähnlichen Gewohnheitsverbrechern mehr vertraut als unbescholtenen Bürgern.

Zwölfmal inhaftiert

Prince, einmal auf den Geschmack gekommen, verdingt sich zwar weiterhin als professioneller Zeuge, aber zumindest in den USA dürfte ihm kaum noch ein Richter Glauben schenken.

Zu lang ist mittlerweile die Liste seiner Gesetzesverstöße. Zwölfmal bereits war er inhaftiert - unter anderem wegen Trunkenheit am Steuer, Verkehrsgefährdung, Verdacht auf sexuellen Mißbrauch einer Minderjährigen, Drogenmißbrauch und Einbruch.

Derzeit taucht sein Name auf einem weiteren Haftbefehl im US-Bundesstaat Colorado auf. Die Behörden in Denver werfen ihm Fahren unter Alkohol- oder Drogeneinfluß vor und damit die Verletzung von Bewährungsauflagen.

Es gab nur einen Zeitraum in seinem Leben, in dem er ohne Drogen auskam und nicht wegen krimineller Handlungen belangt wurde: während seiner Mitgliedschaft in Scientology. Nachdem er im Jahre 1992 einvernehmlich aus dem Orden der amerikanischen Scientology-Kirche ausgetreten war und seine Mitarbeit eingestellt hatte, äußerte er sich noch mehrfach positiv über seine frühere aktive Mitgliedschaft. Einige Jahre später aber geriet er zusehends auf die schiefe Bahn, bis er schließlich in der Kriminalität landete und all jene Verhaltensregeln ablehnte, welche von den meisten Menschen als richtig erachtet werden. Damit entpuppte er sich plötzlich auch als "Gegner" der Scientology-Kirche - und als "Kronzeuge" des deutschen Verfassungsschutzes.

Wer Jesse Prince kennt, weiß, daß er seine "Aussagen" nicht umsonst abgibt. Es würe verwunderlich, wenn er hier beim Verfassungsschutz eine Ausnahme gemacht hätte und dieser nur für Flug und Unterkunft aufkommen mußte. Denn Prince hat aus dem Beruf des "Kaufzeugen" ein einträgliches Geschäft entwickelt.

Einen guten Teil dieses Einkommens gibt er für illegale Drogen aus. Vermutlich mit deutschen Steuergeldern pflegte er diese Gewohnheit auch auf dem Rückweg vom Bundesamt für Verfassungsschutz bei einem Streifzug durch das Amsterdamer Drogen- und Sexviertel.

Eine noch pikantere Note bekommt die Sache, wenn man weiß, da§ Innenminister Beckstein vor Jahren während einer Pressekonferenz eine sogenannte Haschischkarte, wie sie in vielen Amsterdamer Restaurants ausliegt, herumzeigte und die holländische Polizei wegen ihres laschen Umgangs mit Drogen anprangerte.

Biedermann oder Brandstifter?

Prince wurde offenbar von einer äußerst schillernden Person nach Deutschland geschleust. Der Journalist Peter Reichelt, so war von Prince später zu erfahren, organisierte den Trip und führte ihn nach seiner Ankunft direkt mehreren Agenten des Verfassungsschutzes zu.

Wenn dieser Vorgang tatsächlich so stattfand, dann bestätigt dies einmal mehr die alte Erfahrung, daß Geheimdienste sich am liebsten unsteter Personen mit schillernder Vergangenheit bedienen.

Denn was den Umgang mit der Wahrheit und das moralische Niveau angeht, können sich Reichelt und Prince die Hand reichen.

Zur Arbeitsweise von Reichelt gehört es, sich die Namen bekannter Künstler zunutze zu machen. Zunächst arrangiert Selbstdarsteller Reichelt gemeinsame Auftritte mit diesen Künstlern in der օffentlichkeit. Die Zugkraft bekannter Namen dient als Vehikel für die Self-Promotion des bis dahin Unbekannten. Scheint Reichelt diese Zugkraft zu erlahmen, so verwickelt er die ihm bis dahin vertrauensvoll zugetane Prominenz in Skandalgeschichten, die naturgemäß medienträchtig sind und dem Selbstdarsteller Reichelt eine breite Bühne eröffnen.

Reichelt geriert sich plötzlich als der Saubermann der Nation. Seine Prominentenopfer werden vor einem schockierten Publikum durch Veröffentlichung von Internas bloßgestellt. Aus dem früheren Vertrauten Reichelt wird plötzlich ein Intimfeind, der seine prominenten Opfer in eine medienwirksame Schlammschlacht verwickelt.

Der bekannte Schauspieler Dietmar Schönherr kann ein Lied davon singen. Publikumswirksam gröndete Reichelt 1986 mit Schönherr den Verein "Hilfe zur Selbsthilfe" in Mannheim und wurde dessen stellvertretender Vorsitzender, Schönherr dessen Vorsitzender. Zum Bruch kam es, als Schönherr der ungeklärte Verbleib von rund 14000 DM Fördermittel auffiel. Reichelt war vereinsintern für die Verwendung der Spendenmittel verantwortlich und konnte Schönherrs Nachfragen nicht in befriedigender Form beantworten. Wechselseitige Strafanzeigen waren die Folge. Der Skandal wurde von Reichelt wohlinszeniert.

Auch dem Maler Helnwein erging es nicht viel besser. Das Vertrauen, welches Helnwein im Rahmen einer Zusammenarbeit aufgebracht hatte, wurde von Reichelt in Buchform ausgeschlachtet. Wieder mutierte der Intimus zum Intimfeind.

Zu Reichelts Arbeitsweise gehört es gelegentlich durchaus, dem Arbeitgeber gegenüber durch Vorhalt angeblicher innerbetrieblicher Unregelmäßigkeiten seinem Wunsch auf Festanstellung Nachdruck zu verleihen. Damit ist ihm ein Verhalten zunächst in der Grauzone zur Nötigung und Erpressung hin nicht wesensfremd.

Mit einem solchen Vorleben ist Reichelt ebenso prädestiniert für eine Zusammenarbeit mit Geheimdiensten wie Jesse Prince. Schaden wird sich mit solchen Allianzen nur einer: der Verfassungsschutz selbst.

Aber wer"ãQuellen" und Zuträger nach dem Motto "Hauptsache unglaubwürdig" auswählt, der verdient es auch nicht anders.

 

Quelle: Artikel "Hauptsache unglaubwürdig" aus dem Freiheits Magazin "Beckstein in der Sackgasse" (Mai 2000)

 

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