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Scientology eine Gefahr? - Fragen zur „Scientology Gefahr“

Diese Behauptung, die von der Bonner Enquete (Renate Rennebach) sogar im Internet verbreitet worden ist, ist genauso unrichtig, wie die damit in Verbindung stehenden Behauptungen in den Medien.

Wie dargelegt bemühen sich Vertreter der Bundesregierung - aber auch von Landesregierungen - zunehmend und nachdrücklich darum, Rechtfertigungshilfen für ihre Diskriminierungskampagne aus dem Ausland heranzuziehen. Der Fall "Griechenland" ist hierzu nur ein Beispiel, wenn auch durchaus repräsentativ, soweit es die Vorgehensweise betrifft.

Eine dieser bewährten Rechtfertigungshilfen ist es, schwer nachprüfbare Vorwürfe nach Deutschland zu "importieren". Ein Paradebeispiel dafür waren ein ZDF-Beitrag vom 21. September 1996 im heute journal und ein Artikel in Focus (Heft 39 vom 23. September 1996) mit dem Titel "Dossiers aus Athen". Die Intention beider Medienberichte wurde sogar aus Eigenaussagen klar: Ganz offensichtlich wollte man den dringend benötigten "Anfangsverdacht" für ein Einschreiten durch den Verfassungsschutz (in Deutschland) ermöglichen. Daß die "Rosen aus Athen" sehr welk waren, störte dabei nicht.

Zum Hintergrund: Mehrere Scientology-Gegner - darunter die Berliner Senatsangestellte Monika Schipmann, der Vertreter des Bundesfamilienministeriums Norbert Reinke, der evangelische "Sektenbeauftragte" Thomas Gandow aus Berlin sowie das spätere Enquete-Mitglied Dr. Ralf Bernd Abel - besuchten im November 1993 den "Sektenbeauftragten" der griechisch-orthodoxen Kirche, Antonios Alevizopoulos, in Athen. Ziel dieser und ähnlicher Missionen: Die "Sensibilisierung" des Auslands.

Im Anschluß an das Treffen begann Alevizopoulos, die Scientology Kirche in Griechenland - beziehungsweise eine ihrer Körperschaften - zu "bekämpfen".

Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß - wie aus einem Bericht griechischer Behörden hervorgeht - der Erzpriester auch die katholische und die evangelische Kirche zu den in seinem Land unerwünschten Sekten zählte - und dies, nach griechischer Rechtsauffassung, nicht einmal zu Unrecht. Wie weit das Monopol der griechisch-orthodoxen Kirche und ihre "Abwehrpraxis" gegenüber anderen Religionsgemeinschaften über anerkannte Menschenrechtsstandards hinausgeht, muß sich Griechenland immer wieder vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bescheinigen lassen.

Das oberste europäische Gericht hatte sich zum Beispiel mit einem Fall zu befassen, in dem vier Vertreter der Zeugen Jehovas die griechische Regierung verklagt hatten. Die vier Mitglieder dieser religiösen Gruppierung wurden in Griechenland strafrechtlich verfolgt, weil sie weiterhin in ihrem eigenen Saal beteten, nachdem sich die Regierung geweigert hatte, das Gebäude als eine Andachtsstätte zu registrieren. Der Fall war durch alle Instanzen bis zum obersten griechischen Gerichtshof gelangt, der die Schuldsprüche tatsächlich bekräftigte.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte annullierte dieses Urteil.

Der Menschenrechtsgerichtshof führte aus, daß die griechische Regierung das Recht der Antragsteller gemäß Artikel 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention verletzt habe. Darin heißt es nämlich: "Jeder genießt das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit -"

Antonios Alevizopoulos jedenfalls versuchte mit Hilfe der unglaublichsten Vorwürfe - zunächst erfolglos - , Polizei und Staatsanwaltschaft in seinen religiösen Privatkrieg gegen die Scientology Kirche zu verwickeln.

Eine Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Ende 1995, die von den griechischen Medien zur Sensation hochstilisiert wurde, kam nie vor Gericht. Sie wurde von einer richterlichen Vorinstanz bereits Weihnachten 1995 mit der Begründung verworfen, daß die Anschuldigungen durch keinerlei Beweise untermauert seien.

Deutschlands Hexenjäger störte das wenig. Der Bericht der griechischen Staatsanwaltschaft genügte, um die "Ernte" ihres deutsches Saatguts als "Beweismaterial" in die Heimat zurückzuimportieren.

Hier nur einige Beispiele, die aufzeigen, in welchem Ausmaß sowohl der Beitrag im heute journal als auch der FOCUS-Artikel die grundlegendsten Prinzipien journalistischer Sorgfaltspflicht, wahrheitsgetreuer Berichterstattung und korrekter Recherche verletzten:

- Die von der griechischen Polizei gefundenen angeblichen "Tötungspakete" gegen Kritiker der Scientology sind nichts anderes als Dokumente, die erhobene Vorwürfe seitens der weltanschaulichen Gegner beweiskräftig widerlegen. Diese werden im englischen Sprachjargon der Kirche als "Dead Agent Pack" bezeichnet, weil das gegnerische Sprachrohr ("Agent") der Lüge überführt wird und damit nicht mehr glaubhaft ("dead") ist. Derartige Verdrehungen des internen, meistens aus dem englischen hervorgehenden Sprachgebrauchs wurden wiederholt in den Medien benutzt, um der Kirche alle möglichen Untaten zu unterstellen. So wurden "dead files" (abgelegte Akten) schon wie obig interpretiert. (Bestes Beispiel war die amerikanische Redewendung "to get away with murder", die im deutschen mit "kann sich alles erlauben" übersetzt wird. Wiederholt wurde mit diesem Idiom, das sich in jedem besseren Englischwörterbuch finden läßt, der Scientology Kirche die wortwörtliche Duldung eines Mordes unterschoben.)

- Die "Tötungspakete" (FOCUS) oder "Liquidierungspakete" (heute journal) sollen auch den Tod von Alevizopoulos, des "bis dahin kerngesunden Geistlichen", an einem Herzversagen erklären. Tatsache ist, wie vom Pressesprecher der griechisch-orthodoxen Kirche im Fernsehen verkündet, daß der Priester schon seit 5 Jahren an bösartigem Darmkrebs erkrankt war und zwei Monate vor seinem Tod ins Krankenhaus eingeliefert werden mußte. Das wird durch die amtlichen Dokumente (Sterbeurkunde) bestätigt. Daß letztlich das Herz versagt, trifft wohl auf jeden Sterbefall zu.

- Bei den angeblichen "Agenten", die in das Umfeld von Alevizopoulos "eingeschleust" worden sein sollen, handelte es sich in Wirklichkeit um zwei Scientologen, die ein paar öffentliche Vorträge des griechischen Erzpriesters besucht hatten und das Gehörte anschließend schriftlich zusammenfaßten. Es gehört zu den üblichen Aufgaben wohl jedes Pressesprechers, sich mit den Vorwürfen gegen seine Organisation auseinanderzusetzen.

- Der angeblich angestrebte Scientologen-Staat "Bulgravia", bestehend aus Griechenland, Bulgarien, Albanien, Mazedonien und Restjugoslawien, ist eine Erfindung, die der Spiegel schon im März 1994 veröffentlicht hatte. Diese wurde von einer griechischen Zeitung unter Bezugnahme wiederum auf die deutsche Presse aus dem Jahre 1994 aufgegriffen und von dieser Zeitung mit einer fiktiven Landkarte erweitert. FOCUS-Journalist Kintzinger brachte diese Fiktion dann als das "ultimative Beweisstück" nach Deutschland zurück, obwohl die griechische Scientology Kirche wiederum nur eine Kopie des Zeitungsberichts in ihren Akten hatte.

- Eine Liste mit 2500 Namen habe man gefunden - Personen des öffentlichen Lebens, über die Dossiers angelegt und die "durch Scientologen systematisch bespitzelt, ausspioniert" wurden (so das heute journal). Die Erfindung einer derartigen, angeblich 2500 Namen umfassenden Aktensammlung ist schon angesichts der paar Mitarbeiter der hier gegenständlichen griechischen Scientology-Mission (namens KEPHE) nicht nachvollziehbar. Wie absurd diese Anschuldigung ist, wird sofort klar, wenn man sich vor Augen führt, daß es für die ca. 30 Mitarbeiter dieser Vereinigung faktisch ein Ding der Unmöglichkeit ist, 2500 Personen zu bespitzeln. Das sollte jedem unverblendeten Menschen eigentlich einleuchten. Wahr ist, daß die Mission in Athen Akten über ihre eigenen Mitglieder führt, in denen die Korrespondenz mit dem Mitglied ebenso wie sein spiritueller Fortschritt in Scientology festgehalten werden. Das ist allseits bekannt.

- KEPHE habe Kinder "rekrutiert". 4000 Eltern hätten im Lauf der Jahre Strafanzeige gegen den Verein eingereicht. Die Wahrheit: Bei diesen "Kindern" handelt es sich um Erwachsene im Alter von 35 und 40 Jahren, die natürlich im biologischen Sinne "Kinder" ihrer noch lebenden Eltern sind. Sofern sich Kinder in der Athener Mission aufhielten, waren es die Kinder von Mitgliedern, die anläßlich des Besuchs ihrer Eltern oder mit ihrer Zustimmung vor Ort waren. Die "4000 Strafanzeigen" von "Eltern" entpuppen sich bei der Nachforschung als eine von den Alevizopoulos-Anhängern und Mitstreitern veranlaßte Unterschriftenaktion auf den Straßen von Athen zwecks einer Petition an die örtlichen Behörden. Hier wußten die meisten angesprochenen Passanten nicht einmal, was Scientology überhaupt ist. Mit der Petition wollten die besagten Anhänger die zivilrechtliche Auflösung der örtlichen Scientology-Gemeinde erreichen. Von strafrechtlich relevanten Vorwürfen war nie die Rede, geschweige denn von "Eltern".

- "Wir haben bei ihnen sogar militärische Informationen über die Luftwaffe gefunden." (FOCUS) - "Informationen, die Griechenlands militärische und nationale Sicherheit betreffen und gefährden" (heute journal). Der einzige Hintergrund dieser hysterischen und auf Unwahrheiten aufgebauten Panikmache ist der Umstand, daß der Bruder der Leiterin von KEPHE als Wachmann bei einem Luftwaffenstützpunkt stationiert ist, wo er - mit Schäferhund - Peripheriewache schiebt. Dieses "sensationelle" Familienverhältnis war von einem Staatsanwalt schon ein Jahr vor der Berichterstattung den privaten Aufzeichnungen der Leiterin entnommen worden. Die Geschwister waren dazu vernommen worden, und die dienstlichen Aktivitäten des Bruders (kein Mitglied der Scientology Kirche) waren untersucht worden. Dabei kamen keinerlei Anhaltspunkte für irgendwelche rechtswidrigen Handlungen zu Tage. Fragen der militärischen und nationalen Sicherheit stellten sich erst gar nicht, da der Bruder als Führer einer Hundestreife mit solch "sensiblen Aspekten" von vornherein nicht konfrontiert war.

Soweit zu einigen der gröbsten "Fakten, Fakten, Fakten".

Tatsache ist auch, daß es der griechisch-orthodoxen Anstrengung aufgrund eines Satzungsfehlers des Vereins KEPHE gelang, einen Beschluß zur formellen Auflösung des betreffenden Vereins zu erwirken. Sie habe sich nicht eindeutig genug "als religiöse Gemeinschaft zu erkennen gegeben". Großer Jubel bei einschlägigen deutschen Stellen. Aber: Die Auswirkungen dieses "Satzungsfehlers", der nur einen einzigen Verein betrifft, wurden sofort behoben. Mittlerweile wurde die erste Scientology Kirche in Athen gegründet. Von Verbot keine Spur. Im Gegenteil: Weitere Missionen sind im Aufbau.

Der "Fall Griechenland" ist dennoch ein anschauliches Beispiel dafür, mit welchen Mitteln und Vorgehensweisen die deutsche "Sektenpolitik" arbeitet, selbst wenn diese scheitern.

01.05.1998

 

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