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Scientology: Sekte oder Religion? - Religionswissenschaft - Scientology

Für das vorliegende Gutachten wurden dem Gutachter von der "Scientology Kirche Deutschland" folgende Unterlagen vorgelegt:

1. Ein Konvolut "Betrifft: Gutachten über Scientology" mehrerer zusammengebundener Photokopien, bestehend aus

  • a. einer maschinengeschriebenen Einleitung "Scientology ist eine Religion", München 5.2.1980, S. 1 - 12, und Ablichtungen aus folgenden Schriften:
  • b. L. Ron Hubbard, Scientology. Eine neue Sicht des Lebens, S. 24 - 27 (Bezug unter II),
  • c. L. Ron Hubbard, Die Phoenix Vorlesungen; Abschrift aus Kapitel 1, Scientology, ihr allgemeiner Hintergrund, Teil 1, S. 1 - 14 (Bezug unter III),
  • d. dsgl., Kapitel 2, Teil 2, S. 1 - 16 (Bezug unter IV),
  • e. dsgl., Kapitel 3, Teil 3, S. 1 - 17 (Bezug unter V),
  • f. L. Ron Hubbard, Scientology. Die Grundlagen des Denkens, S. 63 - 67 (Bezug unter VI),
  • g. L. Ron Hubbard, Haben Sie vor diesem Leben gelebt? Anhang S, 341 - 357 (Bezug unter VII),
  • h. Der Hintergrund und die Zeremonien der Scientology Kirche, 1973, S. 7 - 27(Bezug unter VIII),
  • i. L. Ron Hubbard, Scientology. Die Grundlagen des Denkens, S. 43 - 47 (Bezug unter IX),
  • j. Der Hintergrund und die Zeremonien der Scientology Kirche, 1973, S.• 29 - 57 (Bezug unter X),

2. Scientology...Eine Religion. Ausführungen über den Hintergrund und die Lehren sowie ihre Anerkennung als religiöse Gemeinschaft, Scientology Kirche Deutschland, Copyright (c) 1973 by L. Ron Hubbard (Bezug unter Religion),

3. Der Hintergrund und die Zeremonien der Scientology Kirche, The Church of Scientology of California, World Wide 1973, 73 Seiten (Bezug unter Hintergrund; z.T. identisch mit.VIII), 

Sinne einer ständigen Ausweitung des Existenzdranges in immer umfassendere Bereiche. Diese Vorstellung steht im Gegensatz zu den buddhistischen Wegen zur Vervollkommnung, die soeben erwähnt worden sind. Wenn in Scientology der Drang des Selbst zur Existenz positiv gewertet wird und bis zur letzten Vollkommenheit geleitet und gesteigert werden soll, so soll in buddhistischen Wegen zur Vollkommenheit = Erlösung die als "nichtexistierend" erkannte Schein-Existenz eines angeblichen Selbst aufgehoben werden; der "Drang zur Existenz", vergleichbar mit dem buddhistischen tanha, "Begehren" "ist die Hauptwurzel des Leidens und des sich immer wieder fortsetzenden Kreislaufs der Wiedergeburten", Nyanatiloka, Buddhistisches Wörterbuch s.v. Tanh, vgl.  auch Paticcasamuppada ("Bedingte Entstehung"). Das Ende des Vervollkommnungsweges ist anders als in Scientology nicht die größte Vervollkommnung eines Selbst, sondern das Vergehen seiner Zufallsexistenz bzw. seiner karmisch-bedingten Existenz überhaupt. Im Falle der acht Dynamiken in Scientology kann demnach festgehalten werden, daß zwar eine Bezugnahme auf buddhistische Traditionen vorliegt, was eine achtfache Form des immer vollkommener Werdens in einer Welt angeht, daß sie aber in einen ganz anderen Kontext des religiösen Systems eingegliedert sind, durch den dem Buddhismus gegenüber eine radikal andere Vorstellung von der Vervollkommnung des Menschen zum Tragen kommt.

Das Ergebnis der von uns vorgenommenen Analyse einiger inhaltlich phänomenologischer Parallelen zwischen Lehren der Scientology und Lehren der asiatischen Hochreligionen des Hinduismus und des Buddhismus, bei der vor allem solche Parallelen untersucht wurden, auf die Scientology selbst verweist, kommt im Rahmen der uns aufgetragenen Fragestellung zu folgendem Ergebnis:

Scientology bezieht sich bei wesentlichen Aussagen ihrer Lehre auf Lehr- und Glaubensaussagen der genannten asiatischen Hochreligionen, die in diesen den Charakter heteronomen religiösen Wissens haben. Es handelt sich in allen von uns untersuchten Fällen um Elemente religiöser Systeme, deren Inhalte auf Vermittlung an den Menschen angewiesen sind, von ihm nicht autonom als wahr erkannt werden können, auf deren Kenntnis er aber im religiösen Sinne, d.h. zum Zwecke seiner Erlösung oder Befreiung aus einem vorgegebenen Zustand, angewiesen ist. Dies kann vor allem an denjenigen Elementen verständlich werden, die inhaltlich auf die Verkündigung des Buddha bezogen sind. In Scientology sind es Elemente einer Lehre, die dem Glauben der Gemeinschaft zufolge nur durch L. Ron Hubbard verbindlich mitgeteilt wird, weshalb sie ebenso zu verstehen und zu bewerten sind, wie ähnliche oder gleiche Elemente in dem System des Buddhismus. Auf der anderen Seite sind diese Elemente im System der Scientology jedoch inhaltlich nicht grundsätzlich mit den entsprechenden Parallelen in den asiatischen Hochreligionen identisch, sondern in dieser Hinsicht z.T. nur vom Kontext der Scientology her verständlich. Wenn wir, im Horizont der Frage nach der in einer Religion vorhandenen Vorstellung vom Wert der Welt - im weitesten Sinne des Wortes -, die asiatischen Religionen als im Grunde von einer pessimistischen Vorstellung vom Welt-Wert geprägt sehen, so Scientology von einer optimistischen Vorstellung. Dies hat zur Folge, daß einzelne Elemente, die in asiatischen Hochreligionen eine Parallele haben, in Scientology in einer anderen Wertung erscheinen, was auch eine inhaltliche Differenz zu den asiatischen Systemen bedeutet. Wir kommen daher auch bei dieser Analyse zu dem Ergebnis, daß es sich bei Scientology nicht um eine Spielart des Buddhismus oder um eine neu-hinduistische Religion handelt, sondern um eine Neu-Religion, wobei sich der Begriff "neu" vor allem auf die jüngere geschichtliche Existenz dieser Religion bezieht.

 

Prof. Dr. Dr. G. Wießner

o. Prof. für Allgemeine Religionsgeschichte

10.08.1980

 

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