Die wunderbare Welt der Sekten

Dass der Begriff “Sekte” ursprünglich nichts weiter beschrieb, als eine neue religiöse Gruppierung, die sich von einer älteren und (meist) größeren Glaubensgemeinschaft abgespalten hat, wissen heutzutage die wenigsten. Dennoch ist zur selben Zeit der Begriff durch das Internet und die Medien so präsent, wie nie zuvor. Und sorgt dabei für jede Menge Diskussionen.

Da auch wir davon betroffen sind, dachten wir uns, das Thema einmal unter einem etwas kritischeren Gesichtspunkt zu behandeln. Deshalb luden wir den Soziologen und Autor Dr. Gerald Willms zu uns in die Kirche ein.

Wer ist eigentlich Dr. Gerald Willms?

Einige von Euch erinnern sich sicher noch an die Gesprächsrunde bei Johannes B. Kerner im Februar 2009 zum Thema Scientology. Damals bemühte sich ein Soziologe und Buchautor aus Göttingen die Diskussion in eine ernsthafte und sachliche Richtung zu lenken. Er wollte eine Diskussion, die unter die Oberfläche ging und sich nicht an den altbekannten Vorurteilen aufrieb, und hob sich dadurch deutlich von den anderen Anwesenden in der Runde ab, die hauptsächlich am sogenannten „Sekten-Bashing“ interessiert waren, wie er später öffentlich kritisierte. Genau das ist Dr. Gerald Willms.

Noch etwas ausführlicher: Er studierte in Göttingen Kultur- und Religionssoziologie, war dort später als Lehrbeauftragter für Religionswissenschaften tätig, hat mehrere Bücher zum Thema verfasst und arbeitet nun als Wirtschaftslektor. Als Gastautor beteiligte sich Gerald Willms zum Beispiel an der viel gelobten Ausgabe der Tattva Viveka mit Titel: „Keine Angst vor Sekten“

Immer wieder plädiert er für den offenen und fairen Umgang mit Mitgliedern aller Glaubensgemeinschaften und beleuchtet mit einem Augenzwinkern den alten und modernen „Sektenwahn“. Sein letztes Werk: Die wunderbare Welt der Sekten – von Paulus bis Scientology, aus dem er während seines Vortrags auch vorlas, spiegelt diese Einstellung besonders gut wider. Wie der Titel erahnen lässt, geht es um Selbst- und Fremdwahrnehmung alter und neuer Glaubensgemeinschaften, sowie die Strategien ihrer Widersacher.

Zwar will Gerald Willms nicht als Scientology-Experte bezeichnet und so in eine Schublade gepresst werden, dennoch gilt er für viele als fachkenntlicher und zeitgleich sachlicher Ansprechpartner, wenn es um Scientology und andere neue Religionen geht.

Von Paulus bis Scientology

Wie bei vielem anderen, hängt die unsachliche und häufig unausgewogene Diskussion um “Sekten und neue religiöse Bewegungen” wie eine bedrohliche Gewitterwolke über dem Thema, was für viele Abschreckung genug ist, um einen großen Bogen darum zu machen – auf der einen Seite!

Auf der anderen erfreuen sich neue religiöse Bewegungen und Glaubensgemeinschaften steten Zuwachses, während die Amtskirchen in Europa um ihre Mitglieder ringen müssen. Unter anderem dieser Umstand sorgt für jede Menge Diskussionen. Eine der bekanntesten Vertreter dieser Entwicklung sind seit den 1970er Jahren ohne Zweifel wir, die Scientologen. Aber in Gerald Willms‘ Vortrag wurde deutlich, dass wir bei weitem nicht die einzigen sind und die Anfeindung neuer religiöser Bewegungen beinahe schon als „Tradition“ zu bezeichnen ist.

Doch woher stammt diese Kluft zwischen den verschiedenen Meinungen, die für solch hitzige Debatten sorgt? Der eine oder andere von Euch mag sich womöglich diese Frage schon mal gestellt haben. Und Gerald Willms‘ Vortrag versprach darauf Antworten zu geben.

Dass starkes Interesse daran bestand zu erfahren, was der Soziologe zu diesem Thema zu sagen hatte, zeigte die große Teilnehmerzahl aus  einem bunten Haufen an Scientologen und Nicht-Scientologen, Vertreter anderer Religionen und Menschen von der Straße.

Dr. Gerald Willms las aus seinem Buch „Die wunderbare Welt der Sekten: Von Paulus bis Scientology“ und zeigte dem gespannt lauschenden Publikum anhand einer bildreichen Power-Point-Präsentation, wie sich der „Sektenwahn“ wie ein roter Faden durch nahezu die gesamte Menschheitsgeschichte zieht. Von einer Religion zur nächsten, wobei stets die ältere, größere die neue, kleinere mit eben jenen Sektenklischees verunglimpfte, mit denen sie selbst in ihrer Anfangsphase gebrandmarkt worden war. (Allein diese Schilderung sorgte für unverständliches Kopfschütteln und fassungslose Lacher – das könnt Ihr mir glauben!)

Dass er den „Sektenwahn“ als Werkzeug weniger für ihre eigennützigen Zwecke betrachtet, verrät bereits seine Definition des Wortes Sekte: ´Sekte´ ist immer ein Begriff, der von ´außen´ und in eindeutig unfreundlicher Absicht an eine religiöse bzw. weltanschauliche Gemeinschaft herangetragen wird.

Bereits während des laufenden Vortrags wurden immer wieder interessierte Fragen gestellt. Auf Bitten des Publikums behandelte Gerald Willms besonders die sogenannten „Sektenklischees“, die im Laufe des Vortrags immer wieder zur Sprache kamen: Stempel, die unter anderem von Sekten- und Weltanschauungsbeauftragten sowie den Massenmedien verwendet werden, um neue religiöse Bewegungen und Gruppen systematisch auszugrenzen.

Neben einigen Beispielen für jene Sektenklischees schilderte Dr. Willms den Ursprung dieser wie folgt:

„Das Basismodell der Sektenklischees, der kulturgeschichtlich stereotype Vorwurf des Glaubens an die ´falschen´ Götter, der ´Religionsfrevel´ und die ´Verführung der Jugend´ zur Unmoral, hatte schon Sokrates (ca. 469–399 v. Chr.) den Schierlingsbecher eingebracht. Und dem historischen Jesus ging es bekanntlich nicht besser, denn auch ihm wurden Volksverhetzung und Religionsfrevel nachgesagt, weil Sektenklischees niemals irgendeiner größeren Wahrheit verpflichtet sind als der Wahrheit ihrer Erfinder. Sie waren und sind stets Hilfsinstrumente, mit denen ein wie auch immer geartetes anderes Denken oder Handeln in die Kategorie des monströsen Verbrechens gegen Gott und die Welt eingeordnet werden kann – und damit nicht nur in einem abstrakt-moralischen Sinn, sondern auch ganz konkret ´strafbar´ oder mindestens ´anrüchig´ war. Deswegen basiert ein Gutteil der Sektenklischees seit jeher auf ´Sex and Crime´.“

Und während einige von diesen Klischees schon fast so alt sind, wie die Religionen selbst, verwunderte es nicht, dass im 20. Jahrhundert ein paar neue Kreationen hinzukamen, wie beispielsweise das Schlagwort der „Gehirnwäsche“, ein Etikett und Überbleibsel des Korea-Kriegs, welches US-Psychiater gern Mitgliedern neuer Religionen umhängten. Einer wissenschaftlichen Überprüfung über mehrere Jahrzehnte hielt auch dieses Fantasiegebilde jedoch nie stand.

In Aussagen, wie den Folgenden bewies Gerald Willms nicht nur seinen Durchblick und zeitgleich seinen Humor, sondern auch den Wert, den er durch differenziertes, analytisches Denken für dieses sonst von Unvernunft und Vorurteilen wimmelndes Gebiet hat:

„Einer sogenannten Sekte anzugehören, ist höchst gefährlich. Aber nicht, weil man ´in´ dieser um Leib und Leben fürchten muss, sondern weil man als Sektenanhänger stets die Anwälte der ´richtigen´ Lebensweise, die Verteidiger der ´echten Kirche´ und die Hüter der ´wahren Religion´, die Wächter von ´Anstand und Moral´ zu fürchten hat. Und diese sitzen, so lehrt es die Geschichte, immer am längeren und damit potenziell gewaltsamen Hebel der Macht. In Bezug auf die bunte Welt der religiösen Phänomene sind die Normopathen die ´Sektenmacher´. Sie sind jene, die den Andersdenkenden und damit auch den anderen religiösen Gemeinschaften den Stempel des Abseitigen und Perversen aufdrücken. In diesem Sinne sind sie die eigentlichen Erfinder jener Klischees, in der sich das Abseitige und Perverse als Kehrseite ihrer eigenen Vorstellungen von Normalität spiegelt.“

Der Abend endete mit großem Applaus für Gerald Willms und angeregten Gesprächen zwischen allen Teilnehmern. Es herrschte allgemeine Zufriedenheit. Man hatte das Gefühl, von Dr. Willms verstanden worden zu sein und zeitgleich nun eine ganze Menge mehr über die „Sektenklischees“ und die „Sektenmacher“ zu wissen und zu verstehen.

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