Die Glaubwürdigkeit der Zeugenaussagen von Abtrünnigen über neue religiöse Bewegungen (Prof. Lonnie D. Kliever)
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1. Arten des Austritts
18. Es gibt ein in der allgemeinen Öffentlichkeit weit verbreitetes Mißverständnis, daß nur wenige Austritte freiwillig erfolgen und positive Erfahrungen sind. Das Bild der neuen Religionen als höchst reglementierte Gruppen, die die Gedanken und Aktionen ihrer Mitglieder durch eine Reihe von „Mind Control“ Techniken kontrollieren hat sich dank der Fixierung der Medien auf Horrorgeschichten von früheren Mitgliedern sowie der Propaganda von Anti-Kultgruppen tief ins öffentliche Bewußtsein eingegraben. Sogar viele frühere Beschreibungen der neuen religiösen Bewegungen durch Wissenschaftler verliehen dieser Vorstellung Dauer indem diese ihre Studien fast ausschließlich auf Abtrünnige basierten, die mit Gewalt entweder durch erzwungenes Deprogramming oder unfreiwillige Einweisung in eine Heilanstalt von ihrer früheren religiösen Verbindung getrennt wurden. Eine Anzahl kürzlicher wissenschaftlicher Studien jedoch (z.B. James A. Beckford, Kult Kontroversen: Die Antwort der Gesellschaft auf neue religiöse Bewegungen, London, Tavistock Veröffentlichung, 1985; Stuart A. Wright, Austritt aus Kulten: Die Dynamiken des Austritts, Washington D.C.: Gesellschaft für die wissenschaftliche Erforschung der Religion, 1987) haben klar gezeigt, daß es zwei sehr unterschiedliche Arten von Abtrünnigkeit gibt, die wiederum als zwei sehr verschiedene Beurteilungen neuer religiöser Bewegungen zueinander in Beziehung gesetzt werden können.
19. Nur eine kleine Minderheit von Abtrünnigen neuer religiöser Bewegungen sind das Ergebnis erzwungener Abtrünnigkeit. Zwangsmaßnahmen um eine bestimmte Person von einer neuen religiösen Bewegung zu „retten“ werden immer durch Außenstehende veranlaßt. Verwandte, die die Verwicklung eines Individuums in eine neue Religion bekämpfen stehen einem doppelten Problem gegenüber -- weshalb diese Person eintrat und wie diese Person von ihrer Religion getrennt werden kann. Die erste Frage wird typischerweise mit einer „Gehirnwäsche“-Erklärung beantwortet die wiederum die „Deprogramming“-Lösung zum zweiten Problem rechtfertigt. Das Gehirnwäsche-Szenario „erklärt“, wie ein zu einer neuen Religion Bekehrter dazu kommt, das, was einem Außenstehenden als absurde Glaubensinhalte und Bräuche erscheinen, in sich aufzunehmen und zu verteidigen. Das betreffende Individuum wird als Opfer verschiedener psychologischer und soziologischer Techniken der „Mind-Control“ angesehen. Unter diesen Voraussetzungen bestehen die einzigen Möglichkeiten der Rettung der Person in einer dramatischen Form der Intervention, die das Individuum von dieser Bindung befreit. Zuflucht zu gewalttätigem Kidnapping und Deprogramming oder zu Entmündigung und Einweisung in eine Heilanstalt werden als notwendige Mittel gerechtfertigt, fehlgeleitete und manipulierte Anhänger der neuen religiösen Bewegungen vor sich selbst zu schützen. In der einen oder anderen Form sind Verdächtigungen der Gehirnwäsche und Rechtfertigungen für Deprogramming die Grundlage für alle solchen „Rettungsaktionen“.
20. Solche erzwungenen Abtrünnigen haben dazu beigetragen, die Kontroverse um neue religiöse Bewegungen in der Medienberichterstattung und in rechtlichen Verfahren gegen ihre früheren religiösen Gefolgsleute wegen ihres hohen Aufmerksamkeitswertes neuen Nährboden zu geben. Ihre Verfügbarkeit als „Kult-Überlebende“ macht sie zu Schlagzeilen für die Medien, welche oft die einzige Informationsquelle über neue religiöse Bewegungen sind, die der allgemeinen Öffentlichkeit zur Verfügung steht. In diesem Stadium der Entwicklung wirkt die logische Verbindung zwischen Gehirnwäsche und Deprogramming umgekehrt. Die Tatsache allein, daß der Deprogramming Prozeß „funktioniert“ wird als Beweis von betroffenen Außenstehenden als auch von einigen ehemaligen Mitgliedern dafür verwendet, daß das Gehirnwäsche-Szenarium wahr ist. Die abrupte und radikale Veränderung in ihrem Glauben und Verhalten, die durch Deprogramming hervorgerufen wird, wird als klarer Beweis dafür angesehen, daß das herausgeholte Individuum in Wirklichkeit das Opfer wenn nicht der Gefangene einer böswilligen Religion war. Mehr noch, die Tatsache daß sie „ihr geliebtes Kind zurückbekommen haben“ veranlaßt Verwandte, anderen zu helfen „deren Kinder zurückzubekommen“ indem sie mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gehen und indem sie Anti-Kult Organisationen unterstützen, von denen sie Unterstützung erhalten haben. Auf diese Art und Weise haben ein kleiner Prozentsatz von Abtrünnigen und ihre „Retter“ das öffentliche Bewußtsein über alle Abtrünnigen von neuen religiösen Bewegungen geformt (oder besser ausgedrückt deformiert).
21. Im Gegensatz zur öffentlichen Meinung ist die überwiegende Mehrheit der Austritte aus neuen religiösen Bewegungen eine Sache freiwilliger Abtrünnigkeit. Mehr noch, die eindeutige Mehrheit derjenigen, die aus freien Stücken austreten, sprechen positiv über bestimmte Aspekte ihrer vergangenen Erfahrung. Während sie bereitwillig die Art und Weise darlegen, wie eine gegebene religiöse Bewegung darin versagte, ihre persönlichen Erwartungen und spirituellen Bedürfnisse zu befriedigen haben viele freiwillige Abtrünnige Wege gefunden, einige wiedererlangte Werte aus ihren ehemaligen religiösen Verbindungen und Aktivitäten zu bewahren.
22. Es gibt aber auch einige freiwillige Abtrünnige von neuen religiösen Bewegungen, die tief verbittert und voller Kritik über ihre früheren religiösen Verbindungen und Aktivitäten sind. Die Dynamik ihrer Trennung von einer ehemals geliebten religiösen Gruppe entspricht einer verbitterten ehelichen Trennung und Scheidung. Sowohl Ehe als auch Religion verlangen ein bedeutendes Maß an Bindung. Je größer die Bindung um so traumatischer die Trennung. Je länger die Bindung um so größer ist die Notwendigkeit, andere für die fehlgeschlagene Beziehung verantwortlich zu machen. Lang andauernde und tief engagierte Mitglieder von neuen religiösen Bewegungen, die im Lauf der Zeit in Bezug auf ihre Religion Ernüchterung erfahren, werfen oft alle Beschuldigung auf ihrer vorherigen religiösen Verbindungen und Aktivitäten. Sie machen aus kleinen Fehlern riesige Bösartigkeiten. Sie machen aus persönlichen Enttäuschungen bösartigen Verrat. Sie erzählen unglaubliche Lügen um ihrer früheren Religion zu schaden. Es überrascht daher nicht, daß diese Abtrünnigen nach vollendeten Tatsachen das gleiche Gehirnwäsche-Szenarium gutheißen, das gewöhnlich beschworen wird, um gewaltsame Lösung von neuen religiösen Bewegungen zu rechtfertigen.
2. Taktiken des Wiedereintritts
23. Loslösung von ehemaligen religiösen Verbindungen ist nur die Hälfte des Prozesses der Zurückweisung jemandes' Glauben an eine neue religiöse Bewegung. Der Abtrünnige, ob nun freiwillig oder erzwungen, sieht sich mit der schrecklichen Aufgabe konfrontiert, sich der herrschenden Kultur anzuschließen und eine neue Identität und Weltsicht zu formulieren. Wiedereintritt bedeutet in den seltensten Fällen einfach zu seinem vorherigen Lebensstil und Weltsicht zurückzukehren, den/die man vor dem Eintritt hatte. Der/die „verlorene“ Sohn oder Tochter kommt als andere Person zurück, bringt eine ganze Reihe von Erfahrungen mit, die irgendwie erklärt und in eine neue psychologische und soziale Situation integriert erden müssen. Dieser Übergang wird oft durch Familiensysteme, soziale Netzwerke, religiöse Gruppen, Ausbildungsanstalten und Anti-Kult Organisationen beeinflußt. Es überrascht daher nicht, daß der Einfluß dieser Gruppen die Interpretation des Abtrünnigen seiner vergangenen religiösen Aktivitäten und Verbindungen gründlich färbt.
24. Ohne Rücksicht auf die Art und Weise ihres Austritts müssen Abtrünnige sowohl ihre frühere Konversion zu und die darauf folgende Abkehr von einer nicht-traditionellen religiösen Bewegung in Betracht ziehen. Sie erhalten oftmals die gesuchten Selbstrechtfertigungen von Anti-Kult Organisationen oder fundamentalistischen religiösen Gruppen, von denen ihn beide mit der Gehirnwäsche-Erklärung versorgen um seinen plötzlichen Beitritt als auch den genauso plötzlichen Austritt aus einer neuen religiösen Bewegung zu erklären. Die Information, die von diesen Gruppen gegeben wird, ist gewöhnlich in höchstem Maße irrational und heftig gegen die Organisation, die verlassen wurde, voreingenommen. Genauer ausgedrückt stellen diese Gruppen eine lingua franca zum Erzählen ihrer Geschichte der Verführung und Befreiung zur Verfügung. Zahlreiche Sozialwissenschaftler haben darauf hingewiesen, daß diese Biographien der „Kult-Überlebenden“ in höchstem Maße stilisierte Wiedergaben sind, die den Einfluß geliehener Szenarios der Gefangennahme und Befreiung Hohn Hohn sprechen - jede Erzählung eine eingeübte Erzählung von sozialer Isolation, emotionaler Manipulation, physischer Entbehrung, wirtschaftlicher Ausbeutung und hypnotischer Kontrolle. Diese „Greuelmärchen“ dienen sowohl der Entschuldigung des einzelnen Abtrünnigen als auch der Anklage der neuen Religion wegen irrationalen Glaubensinhalten und unmoralischem Verhalten. Sie nähren und formen auch die Vorstellungen der Öffentlichkeit über die neuen Religionen als gefährliche Bedrohungen für die Religionsfreiheit und die öffentliche Ordnung. Angesichts dieser negativen Berichterstattung werden auch diejenigen Abtrünnigen, die nicht unter den direkten Einfluß von Anti-Kult Organisationen oder fundamentalistischen religiösen Gruppen fallen, oft durch deren negative Beschreibung der Religion, die sie hinter sich gelassen haben, beeinflußt.
V. SCHLUSSFOLGERUNGEN
25. Die obige Analyse zeigt deutlich, daß es zwar ein gewisses Vorkommen an Abtrünnigkeit in den neuen religiösen Bewegungen gibt, daß aber die überwältigende Mehrheit derjenigen Leute, die sich von diesen non-konformistischen Religionen lossagen, keine dauernden Haßgefühle gegen ihre vergangene religiöse Verbindung und Aktivität hegen. Während sie freimütig die Art und Weise, wie ihre religiösen Bedürfnisse und Hoffnungen enttäuscht wurden, bekennen, waren sie in der Lage, auch positive Aspekte und Werte ihre vergangenen Erfahrungen zu erkennen. Im Gegensatz dazu gibt es eine viel kleinere Anzahl von Abtrünnigen, die vollständig damit beschäftigt ist, die religiöse Gemeinschaft, der gegenüber sie einmal loyal waren, zu diskreditieren wenn nicht zu zerstören. In den meisten Fällen wurden diese Abtrünnigen entweder gewaltsam von ihrer religiösen Gemeinschaft durch die Intervention von Familienmitgliedern oder Anti-Kultgruppen getrennt oder aber sie kamen nach ihrer eigenen freiwilligen Trennung von einer neuen religiösen Gruppe bald unter den Einfluß von Anti-Kultgruppen oder -Literatur.
26. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß diese eifrigen und starrköpfigen Gegner der neuen Religionen der Öffentlichkeit, der Wissenschaft und den Gerichten durch ihre leichte Verfügbarkeit und ihren Eifer zur Zeugenaussage gegen ihre frühere religiöse Verbindung und Aktivität eine verdrehte Ansicht der neuen Religionen präsentieren. Solche Abtrünnigen handeln immer im Rahmen eines Szenariums, das sie selbst reinwäscht, indem es die Verantwortung für ihre Taten der religiösen Gruppe in die Schuhe schiebt. In der Tat wurden die verschiedenen Gehirnwäsche-Szenarums, die den neuen religiösen Bewegungen so oft vorgeworfen wurden, lediglich als berechnende Versuche, den Glauben und die Praktiken unkonventioneller Religionen in den Augen von Regierungsbehörden und der öffentlichen Meinung zu diskreditieren, durch Sozialwissenschaftler und Religionsgelehrte in der überwältigenden Mehrheit zurückgewiesen. Solche Abtrünnige können kaum als verläßliche Informanten von verantwortlichen Journalisten, Gelehrten oder Juristen angesehen werden. Sogar die Erzählungen derer, die sich freiwillig und ohne Rachegelüste trennten, müssen mit Vorsicht genossen werden, da sie ihre vergangenen religiösen Erfahrungen vom Standpunkt eines gegenwärtigen Versuchs aus, ihr eigenes Selbstbewußtsein und Selbstwertgefühl wiederherzustellen, interpretieren. Kurz ausgedrückt ist es so, daß Abtrünnige von neuen Religionen nicht den Anforderungen an persönliche Objektivität, persönliche Kompetenz und persönliche Objektivität, die für Gutachteraussagen notwendig sind, entsprechen.
Gefertigt am 24. Januar 1995 in Dallas, Texas
Lonnie D. Kliever











