Die Definition des Religionsbegriffs in einer pluralistischen Gesellschaft
| Scientology: Sekte oder Religion? - Artikel über Religion und Spiritualität |
Zur Beantwortung der Frage, wie Religion und Religionsausübung in der heutigen pluralistischen Gesellschaft definiert werden sollten, haben Religionswissenschaftler die grundlegenden Merkmale aller Glaubensrichtungen untersucht; man ist auch der Frage nachgegangen, ob und wie sich diese Faktoren in Scientology manifestieren.
Viele glauben, daß sie die Antwort auf die Frage „Was ist eine Religion?" bereits kennen. Die persönliche Definition ist von Mensch zu Mensch verschieden und ist fast immer von seinem persönlichen religiösen Erbe und seinen persönlichen Erfahrungen geprägt. Doch die Geschichte lehrt uns, daß genau dieser Umstand dazu beitrug, daß es die Kreuzzüge geben konnte, die Spanische Inquisition, Jahrhunderte des Blutvergießens in den Niederlanden und anderswo in Europa oder auch die jahrelangen Unruhen in Nordirland.
Heute führen restriktive Definitionsansätze zum Religionsbegriff im allgemeinen zwar zu weniger gewalttätigen, letztlich aber zu gleichermaßen destruktiven Formen der Diskriminierung und zu anderen Menschenrechtsverletzungen, ganz besonders gegen Mitglieder neuer oder fremder Glaubensrichtungen.
Jahrhundertelang gingen westliche Denker das Thema einzig und allein aus der Perspektive der jüdisch-christlichen Tradition an. Dieser Ansatz fußte auf zwei fundamentalen und zusammenhängenden Lehrsätzen: zum einen auf dem Glauben an die Existenz eines personifizierten Schöpfergottes, der von den Menschen getrennt ist und über ihnen steht, und zum anderen darauf, daß des Menschen höchstes Tun die Verehrung dieses Gottes, das Bittgebet und die Ehrfurcht vor ihm sei. Wenn ein Glauben diese Doktrinen nicht enthielt, wurde er nicht als religiös betrachtet.
Dieser Ansatz spiegelt auch wider, wie westliche Gelehrte einen religiösen Glauben und seine Ausübung vom Beginn der Zivilisation bis in die jüngste Vergangenheit analysierten. Über Jahrhunderte hinweg waren die Begriffe „Religion" und „Christentum" praktisch austauschbar. Ein sarkastischer Ausspruch des englischen Dichters Henry Fielding drückt den zu jener Zeit vorherrschenden Glauben treffend aus: „Unter Religion verstehe ich das Christentum, unter dem Christentum verstehe ich die protestantische Kirche, unter der protestantischen Kirche verstehe ich die Church of England, wie sie im Gesetz festgelegt ist." In der Tat weigerte England sich bis zum Jahre 1837, das Judentum im Rahmen des Wohlfahrtsgesetzes überhaupt als Religion anzuerkennen.
Der trügerische und simplifizierende Bewertungsmaßstab, nach dem Religionen lange Zeit beurteilt wurden, grenzte nicht nur viele religiöse Gemeinschaften von vorneherein aus, sondern öffnete auch Tür und Tor für die Verfolgung von Religionen — ein Umstand, der nur einmal mehr unterstreicht, daß das Unterfangen, den Religionsbegriff zu definieren, weit über rein akademische Belange hinausgeht. Immerhin waren solche Versuche die Ursache von Ungleichbehandlung, Diskriminierung und sogar von Gewalt.
Durch die Globalisierung der modernen Gesellschaft und durch die Ausbreitung einer Vielfalt von religiösen Ausdrucksformen in der westlichen Welt haben glücklicherweise nicht nur Religionswissenschaftler erkannt, daß sich der rein doktrinäre Ansatz nicht so einfach auf Religionen anwenden läßt, die nicht der jüdisch-christlichen Tradition entspringen — eine Entdeckung, die letztendlich zu einer veränderten, aufgeklärteren Sichtweise führte. Die dem traditionellen Ansatz der Definition des Religionsbegriffs innewohnende Voreingenommenheit trat ganz besonders dann zum Vorschein, wenn es sich um östliche Religionen oder Naturreligionen handelte, da viele dieser Religionen keinen Gott oder kein höchstes Wesen kennen –— ganz zu schweigen von einem personifizierten Schöpfergott –— oder dazu tendieren, Religion als integralen Bestandteil ihres alltäglichen Lebens anzusehen.
In vielen Naturreligionen besteht tatsächlich nur eine wenig strukturierte Glaubenslehre, und einige östliche Religionen wie der Zen- Buddhismus und Hindu Bhakti sehen Doktrinen als Beiwerk oder sogar als Hindernis für den geistigen Fortschritt an. Aber wie kann man die Religiosität beispielsweise des Theravada-Buddhismus und des Jainismus in Abrede stellen, bei denen es kein höchstes Wesen gibt, wenn beide etwa 500 Jahre älter als das Christentum sind? Was ist mit den unzähligen Glaubensrichtungen innerhalb des Hinduismus, die, obwohl sie alle als Grundlage den Glauben an mehrere Götter haben, diese Götter eindeutig einem letztendlichen Ziel unterordnen, nämlich der Vereinigung des „Selbst“ mit dem „Absoluten“? Und was ist mit dem Taoismus, der sich nicht definieren, sondern nur „erkennen“ läßt, oder dem Konfuzianismus, bei dem Charakter das Ziel und Weisheit der Pfad dorthin sind?
Moderne Religionswissenschaftler sind sich mittlerweile einig, daß Feststellungen, ob es sich bei etwas um eine Religion handelt, objektiv sein müssen und nicht auf begrifflichen Vorstellungen basieren dürfen, die von einer ganz bestimmten Tradition herrühren. Denn die Verwendung einer Definition, die gegenüber einer bestimmten religiösen Tradition voreingenommen ist, führt ohne Zweifel zur Diskriminierung anderer Glaubensrichtungen und tatsächlich auch zu verschiedenen Ausprägungen der Religionsverfolgung. Stattdessen haben die Sachverständigen ihre Sichtweise erweitert, um das zu erreichen, was Professor Bryan Wilson (emeritierter Dozent für Soziologie an der Universität Oxford) „ethisch neutrale Definitionen“ des Religionsbegriffs nennt. Diese leiten sich ab aus „Elementen, über deren religionsprägenden Charakter Einigkeit herrscht, unabhängig von Glaubensinhalten, unabhängig von der Natur der tatsächlichen Praktiken einer Religion oder des formalen Status der in ihrem Dienste tätigen Amtsträger“. Auf diese Weise lassen sich Glaubenslehren und die Ausübung einer Religion gerecht und ohne Vorurteile interpretieren.











