Fakten Suche
Besucher - Länder
Top 5:
Germany flag 60%Germany (48990)
Unknown flag 13%Unknown (10727)
United States flag 6%United States (4855)
Russian Federation flag 6%Russian Federation (4739)
Switzerland flag 3%Switzerland (2850)
82171 Besucher aus 122 Länder
Fakten Links
Banner
Banner
Banner
Banner
Fakten Statistiken
Benutzer : 3
Beiträge : 816
Weblinks : 89
Seitenaufrufe : 407414
Uhrzeit
Humanitäre Projekte - Einsatz für Religionsfreiheit

Für Religionsfreiheit und für ein Ende der Diskriminierung religiöser Minderheiten in Deutschland demonstrierten am 27. Oktober 1997 in Berlin über 10.000 Mitglieder verschiedenster Religionen aus allen Teilen Deutschlands und der Welt. Organisiert worden war die Protestveranstaltung von der Vereinigung Freedom for Religion in Germany (FRG — "Freiheit für Religionen in Deutschland"). FRG ist eine Koalition von verschiedenen Religionen — darunter die Scientology Kirche — und wurde im April 1997 in den Vereinigten Staaten gegründet. Bereits im Juli letzten Jahres hätte sie einen Protestmarsch in Frankfurt mit 1.500 Teilnehmern durchgeführt.

"In den Jahren meiner Tätigkeit als ökumenischer Direktor für drei verschiedene Päpste habe ich gelernt, daß Toleranz, Verstehen und Dialog zwischen allen Religionen — gleichgültig welchen Alters oder welcher Größe — wesentlich für eine freie und wirklich demokratische Gesellschaft sind. ... Daher bin ich sehr froh, heute hier zu sein und mich Ihrer Demonstration für Religionsfreiheit anschließen zu können."

So lautete die Grußbotschaft von Professor Urbano Alonso, Doktor der Theologie und Philosophie und eine von vielen internationalen Kapazitäten, die ihre Worte an jene richteten, die sich am 27. Oktober vor der Gedächtniskirche in Berlin versammelt hatten. Auch er forderte ein Ende der Diskriminierung religiöser Minderheiten in Deutschland.

Das Teilnehmerfeld der Demonstranten reichte von Geistlichen verschiedenster Glaubensgemeinschaften über Universitätsprofessoren aus so entfernten Ländern wie Kanada oder Japan bis hin zum Mitglied des Britischen Oberhauses. Menschenrechtler, Religionswissenschaftler und Mitglieder wie Vertreter zahlreicher Religionsgemeinschaften marschierten zusammen für ein gemeinsames Ziel.

Unter denen, die sich vor dem Marsch zum Brandenburger Tor an die versammelten Demonstrationsteilnehmer wandten, war auch Dr. Gabriele Yonan, Religionswissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin. Sie gab ihrer Besorgnis darüber Ausdruck, daß Regierungsstellen und Medien koordiniert an der Ausgrenzung ethnischer und besonders religiöser Minderheiten arbeiten. Dr. Yonan kritisierte den Umstand, daß zu wenige Religionswissenschaftler in diesem Klima der Intoleranz den Mut aufbringen, sich auch öffentlich für die Rechte von religiösen Minderheiten einzusetzen.

1992 war Dr. Yonan von der Ausländerbeauftragten des Berliner Senats gebeten worden, eine Studie über die verschiedenen Religionen in Berlin zu verfassen, über alteingesessene und neue. Vor diesem Hintergrund teilte sie den Demonstrationsteilnehmern mit, daß auch sie nicht von den Auswirkungen der Anti-Minderheiten-Hysterie verschont geblieben war und einige Zeit gebraucht hatte, um die Dinge für sich selbst ohne Vorurteile zu betrachten: "Bis vor kurzem habe auch ich mich von Scientology ferngehalten, aus Angst davor, meine Karriere könne Schaden nehmen, würde ich mich einmischen. Vor zwei Monaten entschied ich mich, selbst herauszufinden, ob Scientology unfair behandelt wird. Ich besuchte die lokale Berliner Kirche und traf mich mit Vertretern der Kirche. Ich kam zu dem Schluß, daß dies tatsächlich der Fall ist und kam zu der Auffassung, daß die Verfolgung und die Hysterie um Scientology beendet werden sollte."

Unter den vielen international bekannten Künstlern, die die Demonstration unterstützten, befand sich auch die Soul-Legende Isaac Hayes:

"Ich spreche heute hier als Mitglied einer religiösen Minderheit, als Afro-Amerikaner, als Künstler und als jemand, der aktiv in der Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten und in Südafrika teilgenommen hat", sagte er. "Ich weiß, was Diskriminierung ist — und in Deutschland ist sie nicht nur gegenwärtig, sondern nimmt auch noch zu." "Ich kann persönlich bestätigen, daß Scientology eine Religion ist", führte Hayes weiter aus. "Sie hat mir spirituell und in jedem Aspekt meines Lebens geholfen. Scientologen sind in ihren Gemeinden aktiv, sie bekämpfen Kriminalität, Drogen und Analphabetismus. Dies macht die Diskriminierung von Scientologen umso schlimmer und scheinheiliger."

Hayes fügte hinzu: "Für mich ist es völlig klar, daß die Behandlung von Minderheiten in Deutschland rechtlich, sozial und moralisch gesehen inakzeptabel ist. Die Situation wird sich nur durch die gemeinsamen Bemühungen von Menschen ändern, die vernünftig und mit ehrlichen Absichten an eine Änderung herangehen."

Redner, darunter auch der amerikanische Religionsprofessor Reverend George Robertson, forderten die Bundesregierung zum Dialog auf, um ein weiteres Abgleiten der Politik gegenüber Scientology und anderen Minderheitsreligionen in menschenrechtliches Niemandsland zu verhindern und die Konfliktsituation zu beheben.

Im Anschluß an die Kundgebung zog die ständig anwachsende Menschenmenge in einem kilometerlangen Zug durch die Straße des 17. Juni zum Brandenburger Tor, flankiert von Dutzenden von Medienvertretern. Auf zahlreichen Spruchbändern wurde ein Ende der Diskriminierung und der Hexenjagd gefordert. Am Brandenburger Tor wurden die Demonstranten mit Live-Musik begrüßt — von den Golden-Era-Musikern, Isaac Hayes, dem italienischen Star Elena Roggero, dem preisgekrönten Komponisten Mark Isham und von vielen anderen Künstlern, die aus allen Teilen der Welt angereist waren.

Auch die Schauspielerin Anne Archer, Oscar-nominiert für ihre Filmrolle in "Eine verhängnisvolle Affäre" an der Seite von Michael Douglas und in Deutschland vor allem durch ihre Rollen neben Harrison Ford bekannt, fand als Teilnehmerin der Demonstration deutliche Worte: "Ich habe mit Dutzenden Regierungsvertretern, Religionsführern und Medien in der ganzen Welt gesprochen. Sie sind jedesmal entsetzt, wenn sie das Ausmaß der staatlichen Diskriminierung gegen Minderheiten in Deutschland erkennen. Ich verstehe sehr gut, daß es die führenden Politiker Deutschlands stört, von internationalen Menschenrechtsorganisationen und Regierungsmitgliedern im Ausland kritisiert zu werden. Aber dann müssen sie sich eben anders verhalten und ihre Handlungen mit dem Rest der freien Welt in Einklang bringen."

Während der Kundgebung wurde auch eine Grußbotschaft des bekennenden Scientologen und Hollywoodstars John Travolta von Tonband abgespielt. Daneben ließ auch der Schauspieler Steven Seagal die Demonstrationsteilnehmer wissen, daß er ihre Ziele hinsichtlich Religionsfreiheit teile. Travolta wandte sich direkt an deutsche Regierungsvertreter und forderte sie zum Dialog auf. Er erinnerte an die Einhaltung der Prinzipien der Demokratie und Religionsfreiheit, wie sie in internationalen Menschenrechtsabkommen enthalten sind. Travolta: "Es gibt niemals eine Entschuldigung dafür, wenn eine Regierung ihre Bürger diskriminiert, weil sie einen bestimmten Glauben ausüben. Es wird auch niemals eine logische Erklärung für Diskriminierung geben. Wenn die Rechte eines Menschen verletzt werden, weiß ich mit Sicherheit, daß auf lange Sicht jeder darunter zu leiden haben wird."

Ähnlich äußerte sich die Schauspielerin Kirstie Alley: "Die Intoleranz der deutschen Regierung und ihre Weigerung zum Dialog sind in einer freien Gesellschaft nicht akzeptabel."

Wie beängstigend das Klima für neue Religionen in Deutschland ist, konnte man schon daraus ersehen, daß einige Minderheitsreligionen ausdrücklich aus dem Grunde keine Delegationen nach Berlin sandten, weil sie befürchteten, dadurch nur weiteren staatlichen Repressionen und "Bestrafungsaktionen" in den Medien ausgesetzt zu werden.

Daß sich nicht jeder vom staatlich praktizierten Gesinnungsterror abschrecken ließ, seine Stimme gegen eben diesen zu erheben, dafür war die Berliner Veranstaltung der beste Beweis. Mike Rinder, Sprecher der Scientology Kirche International, drückte es in seiner Rede an die Demonstrationsteilnehmer so aus: "Berlin ist nur der Anfang. Wir werden nicht ruhen, bis jedem einzelnen in Deutschland - gleichgültig welcher Rasse, Religion oder Hautfarbe - die Rechte gewährt werden, die die Gesetze garantieren: ohne Schikanen, ohne Ungerechtigkeiten und ohne Furcht vor Repressalien." 

 Hoffnung für die Zukunft

Die Protestveranstaltungen des 27. und 28. Oktobers, zu denen auch eine Konferenz zum Thema Religionsfreiheit zählte, lösten ein breites internationales Medienecho aus. Zahlreiche deutsche und ausländische Fernsehstationen berichteten darüber. Ebenso amerikanische, kanadische, asiatische, europäische und viele deutsche Zeitungen.

Es bleibt zu hoffen, daß die Bundesregierung wahrgenommen hat, daß es sich hier nicht nur um einzelne Stimmen handelte, sondern um ein berechtigtes Anliegen vieler.

Alle betroffenen Gruppierungen versuchen seit Jahrzehnten in einen Dialog mit Vertretern der Bundesregierung zu treten. Das Gespräch wird kategorisch verweigert, boykottiert oder mit "Untersuchungsausschüssen" ersetzt, die sich fast ausnahmslos aus erklärten Gegnern der Minderheitsreligionen zusammensetzen. Daß auch diese Umgangsweise mit Bürgern des Landes - neben vielen anderen diskriminierenden Vorgehensweisen - zu nichts als weiterem Protest führen kann und wird, bedarf keiner Erläuterung.

Es wäre allen gedient, wenn eine unabhängige und neutrale Stelle geschaffen würde, die ohne abträgliche Emotionen und mit Vernunft das Anliegen der Minderheitsreligionen ernst nähme und das längst fällige Gespräch einleiten würde.

KOMMENTAR - Über die Unfreiheit einer Freiheit: Berlin und die Folgen

Selbstverständlich herrsche in Deutschland Religionsfreiheit! So oder ähnlich — und mit der medienwirksamen Empörungsröte im Gesicht — wischen Politiker wie Norbert Blüm, Klaus Kinkel und Günther Beckstein alle Anfragen vom Tisch, die das Gegenteil auch nur anklingen lassen. Jedermann könne, so wird beteuert, in Deutschland seinen eigenen Glauben frei wählen und ausüben.

Religionsfreiheit? Ja. — Aber wehe, man nimmt diese Grundfreiheit auch in Anspruch.

Eine "Grundfreiheit", deren Inanspruchnahme regelmäßig den Beruf, den guten Ruf, gesellschaftliche Kontakte und vieles mehr nicht nur kosten kann, sondern oftmals auch kostet, verdient diesen Namen natürlich nicht. Zumindest nicht hinsichtlich ihrer Umsetzung im realen Alltag.

Die Vorbereitungen für den Berliner Marsch für Religionsfreiheit zeigten einmal mehr auf, wie man in der Praxis mit diesem Grundrecht umzugehen pflegt: Während man den Apfel erlaubterweise vom Baum holt, versuchen staatliche Organe die Leiter umzustoßen.

Innenminister Schönbohm drückte schon im Vorfeld die Hoffnung aus, daß "die Organisation keine Halle mieten kann, um eine Veranstaltung zu organisieren", und machte damit weltweit klar, daß in Deutschland auch die Demonstrationsfreiheit allenfalls deshalb gewährt wird, weil man — leider — nicht anders kann. Vermietern von Veranstaltungsräumen war die Parole des Innenministers Befehl. Die Deutschlandhalle — frei und bereits angemietet — wurde ohne Angabe von Gründen gegenüber einem Vorstandsmitglied des Veranstalters FRG, einem Methodisten- Geistlichen, wieder abgesagt.

Zur Einschüchterung von Zulieferern und zur Störung der Vorbereitungen ließ Schönbohm auch gleich noch eine Warnbroschüre verteilen und seine Pressekontakte spielen. Journalisten hefteten sich an jeden, der auch nur im Verdacht stand, mit den Veranstaltern zu kooperieren. Resultat: Über 100 gebuchte Zimmer zur Unterbringung von Geistlichen verschiedener Glaubensrichtungen wurden kurzfristig abgesagt, mit Berufung auf "das Klima" oder auch ohne Begründung.

Im Vorfeld der Demonstration war auch ein Vertrag mit dem Hotel Kempinski für einen Tagungsraum unterzeichnet worden. Dort sollte am Tag nach der Demonstration eine Konferenz mit internationalen Gästen zum Thema Religionsfreiheit stattfinden. Am 14. Oktober veröffentlichte die Berliner Tageszeitung einen Artikel, der diesen Umstand "enthüllte". Das Hotel habe sich damit über "einen Ratschlag von Innensenator Jörg Schönbohm (CDU) hinweggesetzt", keine Räume zur Verfügung zu stellen. Diese Art der Nötigung war natürlich klar berechnet: Eiligst verschickte die Hotelleitung eine Presseerklärung, in der sie mitteilte, daß der Vertrag gekündigt worden sei.

Selbst Zulieferer von Apparaturen wie Stromgeneratoren und von anderen Ausrüstungsgegenständen zogen nach und nach ihre Angebote zurück, nachdem sie über die Veranstalter "informiert" worden waren. Während die Berliner Presse jedes noch so unsinnige Statement von Sektenbeauftragten und Politikern druckte, um die Gefahr einer "Machtübernahme" in Berlin durch Scientology und andere Minderheiten zu beschwören, wurden keine weiteren Versuche ausgelassen, um den Protestmarsch zu stoppen. Diese reichten von der Weigerung von Fuhrunternehmen, Demonstrationsteilnehmer vom Flughafen zum Demonstrationsort zu befördern, bis hin zu einer gefälschten Absage der Ver anstaltung auf dem Briefkopf der FRG. Diese wurde der Berliner Presse zugespielt und als tatsächliche Annullierung veröffentlicht.

Über all diese und noch einige andere Hindernisse hinweg haben es die Veranstalter trotzdem geschafft, die Demonstration stattfinden zu lassen — nicht zuletzt auch dank couragierter Berliner Bürger, die das grundgesetzwidrige Spiel nicht mitmachten.

Die Demonstration solle "so wenig Aufsehen wie möglich erregen", hatte sich auch der Anti-"Sekten"-Beauftragte der evangelischen Landeskirche in Berlin, Thomas Gandow, gewünscht. Und außerdem sei mit dem Umstand einer Demonstration doch klar bewiesen, so Gandow weiter in der ihm eigenen Logik, daß es "mit den Vorwürfen, die Bundesregierung garantiere keine Religionsfreiheit, nicht weit her" sei.

Der Gefallen, kein Aufsehen zu erregen, konnte dem Berliner Anti-"Sekten"-Beauftragten nicht getan werden. Im Gegenteil: Die Aktionen, die unternommen wurden, um die Demonstration mit staatlichem Segen und mit staatlicher Initiative zu boykottieren und zu verhindern — unter den Augen Hunderter ausländischer Beobachter vor Ort, die das, was sie selbst erfuhren, heute noch nicht glauben können — werden im Ausland noch wesentlich mehr Aufsehen erregen, als den staatlichen Diskriminierern und Pastor Gandow lieb sein kann.

Selbst noch nachdem die Boykottmaßnahmen gescheitert waren und wie angekündigt (mehr als) 10.000 Menschen an der Veranstaltung teilgenommen hatten, griff Schönbohm zum letzten Mittel, um "kein Aufsehen zu erregen": Obwohl selbst die Polizei gegenüber den Veranstaltern bereits am Nachmittag von 8000 Teilnehmern sprach und tatsächlich sogar bis zu 12.000 anwesend waren, wurde vom Innensenat die Parole "3000" ausgegeben und bei den angegliederten Medien folglich "nur 2000" gedruckt. Die BILD-Zeitung — "Bild war dabei" — vermeldete gar "nur 1000 — ein Flop". In diesem Fall erfolgte die gezielte Falschmeldung jedenfalls nicht mangels Kenntnis der Grundrechenarten. Der Preis für das hysterische und menschenverachtende Treiben gegen "Sekten" ist groß. Es ist kein geringerer als der freiheitliche demokratische Rechtsstaat selbst, auch wenn dies die Verantwortlichen wenig kümmern wird. Sind sie es doch — und nicht etwa religiöse Minderheiten — die ihn zur Schein-Legitimation ihres Tuns bis an die Grenze beugen und letztlich zerbrechen.

 

Quelle: Artikel aus der Zeitschrift FREIHEIT "Schutz der Menschenrechte in Europa" (1998)

 

.