CAN (Cult Awareness Network): Kidnapping und Deprogramming von Andersgläubigen - „Sektenberatung“ auf amerikanisch
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Für Jason Scott ging ein Alptraum zu Ende; auch für Collins Macchio und für Millionen andere.
Scott und Macchio sind zwei unter den zahlreichen Christen, die das Opfer brutaler „Deprogramming"-Versuche durch Mitglieder des antireligiösen Vereins „Cult Awareness Network" wurden (kurz: „CAN"). „Deprogramming" ist eine gehirnwäscheartige Glaubensaustreibung unter Anwendung von Freiheitsberaubung, körperlicher Gewalt, Drogen sowie Nahrungs- und Schlafentzug. CAN hatte seinen Wirkungsbereich auch auf europäische Länder ausgedehnt und einige Erfüllungsgehilfen — insbesondere in Deutschland und Frankreich — gefunden.
Die beiden Opfer hatten zwar einen gerichtlichen Erfolg gegen die Täter davongetragen. Doch solange CAN noch immer als Organisation bestand, waren sie und andere Mitglieder von Religionsgemeinschaften der ständigen Gefahr ausgesetzt, dieser menschenverachtenden Praktik erneut zum Opfer zu fallen.
Jetzt nicht mehr.
Seit am 20. Juni 1996 die Zwangsliquidierung eingeleitet wurde, existiert CAN nicht mehr. Der Vorstand konnte angesichts der durch einen US-Bundesrichter im September 1995 verhängten Schadenersatzzahlung in Höhe von 3,2 Millionen Dollar die Vereinsauflösung nicht mehr abwenden. Ein letzter Versuch, die Liquidierung durch Berufung auf Bestimmungen des US-Konkursrechts abzuwenden, scheiterte.
Vermächtnis des Schreckens
Durch seine Büros in Barrington, Illinois, gelangte CAN vor allem wegen seiner Propagandafeldzüge gegen Mormonen, Sieben-Tage-Adventisten, Katholiken, Juden, eine Vielzahl anderer religiöser Gemeinschaften und immer wieder und ganz besonders gegen Christen zu traurigem Ruhm. Eine der Hauptaktivitäten CANs war die Verbreitung falscher und einseitiger Informationen über Religionsgemeinschaften, mit der Absicht, Vorurteile, Haß und Angst zu schüren.
Damit wird dieser nicht mehr existierende Verein jedoch noch sehr milde umschrieben. CAN machte Jagd auf religiöse Menschen, verletzte die Bürgerrechte Unschuldiger und war in Kidnapping, Vergewaltigung und Todesfälle verwickelt.
Die Ursprünge CANs gehen auf das Jahr 1974 zurück, als die Citizens Freedom Foundation (CFF) — angeführt von Ted Patrick, dem wohl bekanntesten „Vater des Deprogramming" — gegründet wurde. Die CFF diente als Tarnorganisation für Patricks lukratives Geschäft mit der Gewalt gegen Mitglieder religiöser Minderheiten.
In seiner Autobiographie gibt Patrick zu, daß ein Deprogramming „zumindest Kidnapping, oft körperliche Gewalt und immer Freiheitsberaubung und Verschwörung zum Zwecke eines Verbrechens" umfaßt. Fallgeschichten und Gerichtsaufzeichnungen belegen gleichfalls, daß bei den Deprogrammierungen CANs sowohl weibliche als auch männliche Opfer vergewaltigt wurden.
Zu den Deprogrammierungs-Opfern gehörten Mitglieder der Katholischen Kirche ebenso wie Mitglieder der Episkopalkirche, dem amerikanischen Zweig der anglikanischen Kirche.
CAN und das Waco-Massaker
Diese abscheulichen Vorfälle bildeten jedoch lediglich die Spitze des Eisbergs. Nach der Tragödie von Waco am 19. April 1993 erklärte der Religionswissenschaftler J. Gordon Melton, Direktor des „Institute for the Study of American Religion" und Religionsprofessor an der University of California in Santa Barbara, CAN sei für Waco „in moralischer, wenn nicht gar in strafrechtlicher Hinsicht verantwortlich".
CAN und einer ihrer hochrangigsten Deprogrammierer, der verurteilte Straftäter Rick Ross, lieferten die Informationen, die schließlich zu der folgenschweren Stürmung des Davidianer- Camps in Waco, Texas, führten. Ross und andere Verantwortliche CANs arbeiteten mit ehemaligen Davidianern zusammen und überzeugten die Einsatzkräfte schließlich davon, daß der Einsatz von „Waffengewalt" gerechtfertigt sei. Der Tod von 86 Menschen nach der Einmischung CANs sprechen für sich.
So auch die zahlreichen Straftaten, die Anklagepunkte und schließlich die Verurteilungen CANs und ihrer Mitglieder. Viele ihrer Funktionäre, Mitglieder und Partner wurden wegen krimineller Handlungen angeklagt oder verurteilt. Das schließt ihren ehemaligen Vorsitzenden Michael Rokos und den ehemaligen „Sicherheitsberater", Galen Kelly, mit ein. Galen Kelly, ebenfalls ein Straftäter, wurde für Verbrechen im Zusammenhang mit Kidnapping zum Zwecke eines Deprogrammings angeklagt und für schuldig befunden.
Oft sind die Aussagen der führenden Köpfe einer Organisation für ihre Beurteilung nützlich. So werfen auch die Ansichten der letzten CAN-Vorsitzenden, Cynthia Kisser, ein bezeichnendes Licht auf seine Zielsetzung und erklären, weshalb CAN sich so intensiv mit Christen befaßt hat. „Wäre [Jesus Christus] heute noch am Leben" so sagte Kisser gegenüber der amerikanischen Tageszeitung Cleveland Plain Dealer, „würden wir uns aufgrund der gewaltigen Kontroverse um seine Aktivitäten für ihn interessieren. Wir würden nach Mißbrauch, unethischem Verhalten oder betrügerischen Praktiken Ausschau halten. Und ich würde alle Informationen an die Presse weitergeben."
,,...von einer zivilisierten Gemeinschaft absolut nicht zu tolerieren"
Durch die Unterstützung und Verwicklung CANs in kriminelle Machenschaften kam es schließlich zu dem 3,200,000 Dollar-Urteil sowohl gegen CAN als auch gegen Rick Ross. Anlaß war das Verfahren, das von dem überzeugten Christen Jason Scott angestrengt worden war. Scott war brutal mißhandelt worden, gefesselt an Handschellen, sein Mund war mit Klebeband verschlossen worden, er war entführt und tagelang gegen seinen Willen festgehalten worden, während man vergeblich versucht hatte, ihn von seinen religiösen Überzeugungen abzubringen.
Die Geschworenen im Verfahren Scotts erklärten, das Verhalten einiger Angeklagter sei „derart abscheulich und so extrem in seinem Ausmaß gewesen, daß es weit jenseits der Grenzen jedweden Anstands lag ... grausam und von einer zivilisierten Gemeinschaft absolut nicht zu tolerieren".
CAN unternahm den Versuch, den Urteilsspruchs einzufrieren, indem es den Einwand erhob, er sei „ungerechtfertigt". Richter John Coughenour verwarf den Antrag mit den Worten: „Das Gericht stellt fest, daß anscheinend keiner der Angeklagten in der Lage ist, die Bösartigkeit seines Verhaltens gegenüber Mr. Scott anzuerkennen. ... Daher erscheint die hohe Schadenersatzzahlung, die zu Lasten CANs und Herrn Ross ausgesprochen wurde, in angemessener Weise notwendig zu sein, um der Entschlossenheit der Geschworenen Nachdruck zu verleihen, die Taten der Angeklagten zu verurteilen und eine abschreckende Wirkung für ähnliches Verhalten in der Zukunft zu erzeugen."
Daraufhin stellte CAN Konkursantrag. Nachdem es sich aber herausgestellt hatte, daß CANs finanzielle Situation nur vorgeschoben war, um der Verantwortung für kriminelle Taten zu entgehen und sich vor den nunmehrigen finanziellen Verpflichtungen zu drücken, wurde gerichtlich die Liquidation angeordnet. Die Türen CANs sind für immer geschlossen, ein Todesstoß für die amerikanische Deprogrammiererzunft.
J. Gordon Melton drückte es folgendermaßen aus: „Das Scott-Verfahren brachte das Deprogramming in diesem Land buchstäblich zum Verschwinden. Dieses Urteil hat CANs Geschäftsverbindungen durchtrennt, die weiteres Deprogramming ermöglicht hätten."
Domino Effekt
An jenem Tag, als das Konkursgericht die Türen CANs versiegelte, reihten sich weitere vier mit CAN verbundene Deprogrammierer in die Reihen der Verurteilten ein — für ein fehlgeschlagenes Deprogramming an einem Mitglied einer christlichen Kirche im Staate Idaho.
Im Jahre 1991 hatten diese Entführer ihr Opfer, Laverne Collins Macchio, aus ihrem Haus in Boise gezerrt. Ihre drei kleinen Kinder hatten dabei entsetzt zugeschaut. Macchio war quer über den Rasen geschleift worden. Sie wurde in ein wartendes Fahrzeug genötigt, anschließend in eine entlegene Hütte verfrachtet und dort sieben Tage lang gegen ihren Willen festgehalten.
Ein Gericht in Idaho zwang die Deprogrammierer Joy und Carmine DeSanctis, Michael Howley und Charles Kelly, die Konsequenzen für ihre Taten zu tragen. Aufgrund einer Absprache mit dem Vorsitzenden Richter bekannten sich alle vier Straftäter der Entführung für schuldig — auch für den Fall, daß ihre Berufung verworfen werden würde. Das Oberste Gericht von Idaho unter dem Vorsitz des Obersten Richters Charles McDevitt verwarf in seinem Urteil vom 22. Juni 1996 einstimmig die Berufung der Deprogrammierer und schlug damit vier weitere Nägel in den Sarg CANs, der schon Tage vorher unter die Erde gebracht worden war.
Quelle: Artikel aus dem Freiheits Magazin "Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer belügt das ganze Land?" (1996)











